Amaretto · Bourbon · Zitrone · Eiweiß
Süß. Säuerlich. Nussig. Cremig. Ein Cocktail, der einen ziemlich schlechten Ruf hat – und ihn eigentlich gar nicht verdient.
Der Amaretto Sour gehört zu den Cocktails, bei denen der erste Eindruck täuschen kann.
Wer den Drink vor allem aus den 1980er- und 1990er-Jahren kennt, denkt vielleicht an sehr süße Drinks, Sour Mix und den typischen Amaretto-Geschmack aus dem Eiscafé.
Ich kenne Amaretto ursprünglich genau aus dieser Ecke.
Sehr süß. Ein bisschen klebrig. Irgendwie verführerisch und gleichzeitig etwas peinlich.
Aber der Amaretto Sour kann deutlich mehr.
Die entscheidende Idee ist, den Amaretto nicht einfach mit noch mehr Süße und Zitronensaft zu verlängern, sondern ihm Struktur zu geben.
Dafür kommen Bourbon, frischer Zitronensaft und Eiweiß ins Spiel.
Der Bourbon bringt Kraft und Würze. Die Zitrone sorgt für die notwendige Säure. Das Eiweiß macht aus dem Drink einen samtigen Sour mit einer schönen, cremigen Textur.
Und plötzlich ist der Amaretto nicht mehr der süße Likör aus dem Eiscafé.
Er wird zum aromatischen Mittelpunkt eines richtig guten Cocktails.
FLAVOUR TAGS
NUTTY · CITRUS · SWEET · SOUR · CREAMY · BOOZY · RICH
Cocktail-Charakter
Säure ●●●●○
Süße ●●●●○
Nussig ●●●●●
Frucht ●●○○○
Alkohol ●●●●○
Komplexität ●●●●○
Stil: Sour · Modern Classic
Spirituose: Amaretto · Bourbon
Gelegenheit: After Dinner · Dessert · Herbstabend · gemütlicher Abend

Amaretto Sour – Das Rezept
| Zutaten | Menge |
| Amaretto | 40 ml |
| Bourbon | 30 ml |
| frischer Zitronensaft | 30 ml |
| Zuckersirup | 10–15 ml |
| Eiweiß | ca. 15 ml |
| Eis | reichlich |
Zubereitung
Alle Zutaten zunächst ohne Eis in den Shaker geben.
Kräftig shaken, damit sich das Eiweiß mit den übrigen Zutaten verbindet und eine stabile Schaumstruktur entsteht.
Anschließend reichlich Eis dazugeben und erneut kräftig shaken, bis der Cocktail gut gekühlt ist.
In ein mit frischem Eis gefülltes Old Fashioned Glass abseihen.
Mit einer Zitronenzeste aromatisieren und – wenn Du es etwas klassischer und opulenter magst – mit einer eingelegten Cocktailkirsche garnieren.
Wichtig: Beim Eiweiß lohnt sich der Dry Shake. Er sorgt für eine deutlich bessere und feinporigere Schaumstruktur. Die klassische Morgenthaler-Methode arbeitet ebenfalls mit einem Shake ohne Eis und anschließendem Shake mit Eis.
Garnitur
Zitronenzeste · Cocktailkirsche
Die Zitronenzeste ist dabei mehr als Dekoration.
Die ätherischen Öle aus der Schale landen direkt in der Nase und geben dem ansonsten recht üppigen Drink einen frischen ersten Eindruck.
Wie schmeckt der Amaretto Sour?
Der erste Eindruck ist intensiv.
Amaretto bringt Mandeln, Steinfrucht, Marzipan und eine deutliche Süße mit. Dazu kommt die frische Säure der Zitrone.
Dann kommt der Bourbon.
Und der verändert den Drink.
Er bringt Vanille, Holz, Gewürze und eine gewisse Wärme mit. Vor allem aber gibt er dem Amaretto Sour mehr Rückgrat und verhindert, dass der Drink einfach nur süß schmeckt.
Das Eiweiß verändert weniger den Geschmack als die Textur.
Der Cocktail wird weicher, runder und cremiger.
Das Ergebnis bewegt sich ungefähr hier:
nussig → zitronig → süß → würzig → cremig
Der Amaretto bleibt dabei eindeutig die Hauptfigur.
Aber er bekommt Unterstützung.
Das Flavor-Profil
AMARETTO SOUR
Fresh ●●●○○
Dry ●●○○○
Sweet ●●●●○
Sour ●●●●○
Nutty ●●●●●
Fruity ●●●○○
Boozy ●●●●○
Complex ●●●●○
Geschmacksschwerpunkt
| SWEET | <──────●────> | DRY |
| LIGHT | <────────●──> | RICH |
| FRESH | <────●──────> | WARM |
Der Amaretto Sour ist kein leichter, spritziger Aperitif.
Er ist ein voller, aromatischer Sour mit deutlich süßem Einstieg, kräftiger Zitrussäure und einem warmen, nussig-würzigen Finish.
Warum funktioniert dieser Cocktail?
1. Amaretto und Zitrone
Das Grundprinzip des Amaretto Sour ist denkbar einfach:
Süße trifft Säure.
Amaretto bringt sehr viel Süße und Aroma mit. Frischer Zitronensaft liefert die notwendige Gegenbewegung.
Das funktioniert grundsätzlich schon mit zwei Zutaten.
Aber damit entsteht noch nicht unbedingt ein besonders spannender Cocktail.
Genau deshalb braucht der Amaretto Sour etwas mehr Struktur.
2. Der Bourbon
Der Bourbon ist für mich die entscheidende Ergänzung.
Er macht den Amaretto Sour erwachsener.
Bourbon bringt nicht nur zusätzlichen Alkohol mit, sondern auch Vanille, Holz, Gewürze und eine warme Getreidenote.
Dadurch wird aus dem süßen Mandellikör ein Bestandteil eines komplexeren Drinks.
Jeffrey Morgenthaler hat diese Idee 2012 besonders bekannt gemacht: Seine Version ergänzt Amaretto um Cask-Strength Bourbon, frische Zitrone, wenig Rich Syrup und Eiweiß.
Ich würde für die Hausbar allerdings nicht zwingend auf Cask Strength bestehen.
Ein kräftiger, aromatischer Bourbon funktioniert ebenfalls sehr gut.
3. Die Zitrone
Beim Zitronensaft würde ich keine Kompromisse machen.
Frisch gepresster Zitronensaft.
Der Unterschied zu fertigem Zitronensaft oder Sour Mix ist bei diesem Cocktail besonders deutlich.
Die Säure soll nicht einfach nur „sauer“ machen.
Sie soll die Süße des Amaretto kontrollieren und den Drink gleichzeitig frischer wirken lassen.
30 ml sind für mich ein guter Ausgangspunkt.
Je nach Amaretto und Zitrone kann man anschließend leicht nachjustieren.
4. Das Eiweiß
Das Eiweiß ist nicht unbedingt notwendig, wenn man einfach irgendeinen Amaretto Sour trinken möchte.
Aber wenn man den Drink als richtigen Sour zubereitet, lohnt es sich.
Es bringt eine cremige, samtige Textur und eine schöne Schaumkrone.
Und genau diese Textur verändert die Wahrnehmung des Drinks erheblich.
Aus einem süß-sauren Likördrink wird ein Cocktail mit deutlich mehr Körper.
Wer kein Eiweiß verwenden möchte, kann den Drink natürlich auch ohne zubereiten. Er wird dann etwas direkter und weniger cremig.
5. Der Zucker
Hier würde ich deutlich vorsichtiger sein als bei vielen älteren Amaretto-Sour-Rezepten.
Amaretto bringt bereits reichlich Zucker mit.
Der Zuckersirup soll deshalb nicht dafür sorgen, dass der Cocktail noch süßer wird.
Er soll lediglich die Säure abrunden.
Deshalb würde ich zunächst mit 10 ml arbeiten und bei Bedarf auf 15 ml erhöhen.
Welcher Amaretto funktioniert am besten?
Hier würde ich tatsächlich etwas mehr Geld für einen guten Amaretto ausgeben.
Deine ursprüngliche Einschätzung trifft einen wichtigen Punkt: Amaretto kann sehr schnell eindimensional süß wirken.
Für diesen Cocktail ist deshalb ein Amaretto interessant, der nicht nur Zucker und Marzipan liefert, sondern auch etwas Tiefe und Frucht mitbringt.
Der Amaretto ist schließlich nicht irgendeine Nebenrolle.
Er macht rund die Hälfte des aromatischen Grundgerüsts des Cocktails aus.
Je besser der Amaretto, desto weniger muss der Cocktail gegen seine eigene Süße ankämpfen.
Die Geschichte des Amaretto Sour
Vom 70er-Jahre-Drink zum modernen Sour
Der Amaretto Sour hat keine jahrhundertealte Cocktailgeschichte.
Er gehört zu einer deutlich jüngeren Generation.
Der Drink wurde in den 1970er-Jahren im Zusammenhang mit der Vermarktung von Amaretto di Saronno bekannt. Eine frühe Grundidee bestand im Wesentlichen aus Amaretto und Zitronensaft. In den 1980er-Jahren wurde der Cocktail zunehmend mit kommerziellem Sour Mix zubereitet.
Und hier entstand auch das Problem des Amaretto Sour.
Der Drink wurde sehr süß.
Und weil Amaretto selbst schon sehr viel Aroma und Zucker mitbringt, war das Ergebnis schnell eindimensional.
Der Amaretto Sour bekam deshalb irgendwann den Ruf eines typischen Disco-Drinks.
Dann kam Jeffrey Morgenthaler.
2012 – der Amaretto Sour bekommt ein Update
Morgenthaler nahm sich des Cocktails an und änderte im Grunde nur einige entscheidende Stellschrauben:
Bourbon statt ausschließlich Amaretto.
Frische Zitrone statt Sour Mix.
Wenig Rich Syrup statt zusätzlicher Süße.
Eiweiß für Textur.
Das Ergebnis war kein völlig neuer Cocktail.
Es war vielmehr eine bessere Version des bestehenden Prinzips.
Der Amaretto Sour musste nicht neu erfunden werden.
Er musste nur besser behandelt werden.
Morgenthalers Rezept wurde 2012 veröffentlicht und ist seitdem zur Referenz für die moderne Interpretation des Amaretto Sour geworden.
Ein Cocktail mit ziemlich schlechtem Ruf
Der Amaretto Sour ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr die Zubereitung den Ruf eines Cocktails beeinflussen kann.
Mit billigem Amaretto, fertigem Sour Mix und viel Zucker bekommt man einen süßen, klebrigen Drink.
Mit gutem Amaretto, frischer Zitrone, einem kräftigen Bourbon und etwas handwerklicher Sorgfalt bekommt man etwas völlig anderes.
Das Grundprinzip bleibt dasselbe.
Aber das Ergebnis ist plötzlich ein richtiger Cocktail.
Und genau deshalb würde ich den Amaretto Sour heute nicht mehr in die Kategorie „süßer Party-Drink“ stecken.
Er gehört für mich eher zu den interessanten Dessert- und After-Dinner-Cocktails.
Wenn Dir der Amaretto Sour gefällt …
Hier würde ich den Amaretto Sour als Einstieg in mehrere Richtungen Deiner Cocktailwelt nutzen.
🍋 Du magst Sour-Cocktails?
→ Whiskey Sour
Wenn Dir die Kombination aus Whiskey, Zitrone und Süße gefällt, ist der Whiskey Sour der logische nächste Schritt – trockener, klassischer und stärker vom Whiskey geprägt.
→ Daiquiri
Weniger süß und deutlich frischer: Rum, Limette und Zucker in einer der klarsten Sour-Formen überhaupt.
→ Pineapple Daiquiri
Wenn der Sour etwas fruchtiger werden darf.
🥃 Du magst Bourbon und Whiskey?
→ Improved Whiskey Cocktail
Mehr Würze, mehr Tiefe und deutlich klassischer – ein guter nächster Schritt für alle, die beim Amaretto Sour den Whiskey-Anteil interessant finden.
→ Manhattan
Weg von der Säure und hin zu Vermouth, Whiskey und einer deutlich würzigeren Aromatik.
→ Sazerac
Noch trockener, kräftiger und konzentrierter.
🍒 Du magst süße, dunkle und aromatische Cocktails?
→ Billionaire
Ein kräftiger, süß-saurer Cocktail mit dunklerer Aromatik und deutlich mehr Tiefe.
→ Creole Scream
Wenn Du die Verbindung von Süße, Spirituose und ungewöhnlicher Aromatik weiterverfolgen möchtest.
Mein Urteil
Amaretto Sour
★★★★★
Der Amaretto Sour ist für mich ein Cocktail mit einer ziemlich unfairen Vergangenheit.
Aber nur, wenn man ihn schlecht macht.
Mit gutem Amaretto, frischer Zitrone und einem kräftigen Bourbon funktioniert der Drink plötzlich erstaunlich gut.
Das Faszinierende ist dabei, dass die Verbesserung gar nicht kompliziert ist.
Amaretto für die Aromatik.
Bourbon für das Rückgrat.
Zitrone für die Spannung.
Eiweiß für die Textur.
Mehr braucht es nicht.
Für mich ist der Amaretto Sour deshalb ein schönes Beispiel dafür, dass ein Cocktail nicht schlecht sein muss, nur weil er einmal aus der Mode gekommen ist.
Manchmal braucht er einfach eine zweite Chance.
Cocktail Discovery
ENTDECKE DEN AMARETTO SOUR
Spirituose
AMARETTO · BOURBON
Stil
SOUR · MODERN CLASSIC
Geschmack
NUTTY · CITRUS · SWEET · CREAMY
Intensität ★★★★☆
Süße ★★★★☆
Säure ★★★★☆
Nussig ★★★★★
Gelegenheit
AFTER DINNER · DESSERT · EVENING
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