Martinez Cocktail

Martinez – Cocktail – Rezept

Gin · roter Wermut · Maraschino · Bitters

Aromatisch. Würzig. Süß. Komplex. Der Cocktail, aus dem sich die Martini-Familie entwickelte.

Der Martinez ist einer dieser Cocktails, bei denen man ziemlich schnell versteht, warum klassische Cocktails eine eigene Faszination haben.

Gin, roter Wermut, ein wenig Maraschino und Bitters.

Das klingt zunächst gar nicht so spektakulär.

Im Glas passiert allerdings deutlich mehr.

Der Gin bringt Wacholder und Botanicals, der Wermut sorgt für Körper, Süße und würzige Kräuternoten, der Maraschino fügt eine feine, trockene Kirsch- und Mandelnote hinzu und die Bitters verbinden alles miteinander.

Das Ergebnis ist ein Cocktail, der voller, weicher und süßer als ein klassischer Martini ist – aber gleichzeitig deutlich komplexer als ein einfacher süßer Gin-Cocktail.

Und dann ist da noch seine Geschichte.

Der Martinez gilt als einer der wichtigsten Vorläufer des Martini. Schon im 19. Jahrhundert taucht er in Cocktailbüchern auf. Eine Rezeptur von Jerry Thomas aus dem Jahr 1887 verwendet ausdrücklich Old Tom Gin, Vermouth, Maraschino und Bitters.

Der Martinez ist damit nicht einfach ein Martini mit etwas mehr Wermut.

Er ist einer seiner Vorfahren.


FLAVOUR TAGS

BOOZY · HERBAL · SPICED · SWEET · BOTANICAL · COMPLEX

Cocktail-Charakter

Säure ●○○○○
Süße ●●●●○
Kräuter ●●●●○
Frucht ●●●○○
Alkohol ●●●●○
Komplexität ●●●●●

Stil: Classic Cocktail · Stirred · Martini Family
Spirituose: Gin
Gelegenheit: Aperitif · Abend · After Dinner · klassische Cocktailrunde


Martinez Cocktail
Martinez Cocktail

Martinez – Das Rezept

ZutatenMenge
Old Tom Gin30 ml
roter / süßer Wermut60 ml
Maraschino1–2 Barlöffel
Angostura Bitters2 Dash
Eisreichlich

Zubereitung

Ein Cocktailglas oder eine Coupette vorkühlen.

Gin, roten Wermut, Maraschino und Angostura Bitters in ein mit Eis gefülltes Rührglas geben.

Alles gründlich kalt rühren.

Der Martinez braucht dabei etwas mehr Aufmerksamkeit als ein schneller Stirred Cocktail. Er soll nicht nur kalt werden, sondern durch die kontrollierte Verdünnung seine richtige Balance bekommen.

Anschließend in das vorgekühlte Glas abseihen.

Als Garnitur passt eine Zitronenzeste besonders gut.

Die Zeste über dem Drink ausdrücken, damit die ätherischen Öle auf der Oberfläche landen, und anschließend ins Glas geben.

Garnitur

Zitronenzeste

Sie bringt einen kleinen, aber wichtigen Kontrast zur Süße des Drinks.

Wer es etwas wärmer und würziger mag, kann auch mit einer Orangenzeste arbeiten. Moderne Martinez-Rezepte verwenden beide Varianten.


Wie schmeckt der Martinez?

Der erste Eindruck ist deutlich anders als beim Martini.

Der Martinez ist weicher, süßer und aromatischer.

Der rote Wermut steht nicht im Hintergrund, sondern ist ein wesentlicher Bestandteil des Drinks. Er bringt Kräuter, Gewürze und eine leichte Fruchtigkeit mit.

Der Gin setzt darauf Wacholder und botanische Noten.

Dann kommt der Maraschino.

Nicht als offensichtlicher Kirschgeschmack, sondern eher als feine, trockene Fruchtigkeit mit einer leicht nussigen, fast mandelartigen Note.

Die Bitters geben dem Drink schließlich Tiefe.

Das Interessante ist deshalb weniger ein einzelnes Aroma als die Kombination:

würzig → kräuterig → fruchtig → süß → trocken

Der Martinez ist dabei deutlich weniger frisch und zitrusbetont als beispielsweise ein Last Word.

Dafür ist er tiefer, wärmer und komplexer.

Wer trockene Martinis liebt, könnte ihn zunächst als süß empfinden.

Wer dagegen Manhattan, Negroni oder andere aromatische Stirred Cocktails mag, dürfte mit dem Martinez schnell etwas anfangen können.


Das Flavor-Profil

MARTINEZ

Fresh ●●○○○
Dry ●●○○○
Sweet ●●●●○
Sour ●○○○○
Herbal ●●●●○
Fruity ●●●○○
Boozy ●●●●○
Complex ●●●●●

Geschmacksschwerpunkt

HERBAL <────────●────>SPICED
SWEET <──────●──────>DRY
LIGHT <────────●────>INTENSE
FRESH <──────────●──>RICH

Warum ich den Martinez mag

Der Martinez ist für mich einer dieser Cocktails, die man eigentlich viel häufiger trinken sollte.

Denn wenn man sich heute einen Martini bestellt, denkt man meistens an einen sehr trockenen, klaren Drink mit Gin und Dry Vermouth.

Der Martinez zeigt, dass die Geschichte einmal ganz anders aussah.

Mehr Wermut.

Mehr Süße.

Mehr Gewürze.

Mehr Aromatik.

Und genau das gefällt mir.

Ich finde den Martinez wesentlich interessanter, wenn man ihn nicht als „Vorstufe zum Martini“ betrachtet, sondern als eigenständigen Cocktail.

Natürlich ist es spannend, dass aus solchen Drinks irgendwann der trockene Martini entstanden ist.

Aber der Martinez muss sich dafür nicht rechtfertigen.

Er funktioniert auch ganz alleine.

Besonders mag ich dabei die Kombination aus Old Tom Gin und rotem Wermut.

Der Gin bringt die botanische Struktur, ohne dass der Drink aggressiv trocken wird. Der Wermut macht ihn weich und würzig, während der Maraschino eine zusätzliche aromatische Ebene hineinbringt.

Das ist kein Cocktail, den ich unbedingt an einem heißen Sommertag trinken würde.

Aber an einem Abend, an dem man sich Zeit für einen Drink nimmt, funktioniert er hervorragend.

Der Martinez ist weniger erfrischend als der Martini – aber dafür wesentlich gesprächiger.


Warum funktioniert dieser Cocktail?

1. Old Tom Gin und roter Wermut

Hier liegt die eigentliche Idee des Martinez.

Old Tom Gin ist aromatisch und etwas süßer als ein klassischer London Dry Gin.

Zusammen mit rotem Wermut ergibt sich deshalb ein deutlich runderer Cocktail.

Historisch passt das ebenfalls: Die 1887 dokumentierte Thomas-Rezeptur verlangt ausdrücklich Old Tom Gin.

Das ist ein wichtiger Unterschied zum späteren Martini.

Der Martinez soll nicht trocken sein.


2. Der Wermut

Der rote Wermut ist im Martinez kein kleiner Modifier.

Mit 6 cl ist er sogar mengenmäßig die wichtigste Zutat in Deiner Version.

Er bringt Süße, Kräuter, Gewürze und Fruchtigkeit in den Drink.

Deshalb würde ich hier auch nicht einfach irgendeinen roten Wermut verwenden.

Ein aromatischer, kräftiger Sweet Vermouth kann dem Martinez deutlich mehr Tiefe geben als ein sehr leichter Vertreter.

Und: Wermut ist nach dem Öffnen empfindlich.

Eine angebrochene Flasche gehört in den Kühlschrank.


3. Der Maraschino

Maraschino ist die kleine Zutat, die den Martinez von einem einfachen Gin-Wermut-Mix unterscheidet.

Er bringt eine subtile Kirschfruchtigkeit mit, dazu eine trockene, leicht nussige Aromatik.

Dabei sollte er aber nicht nach Kirschlikör schmecken.

Deshalb reichen ein bis zwei Barlöffel.

Mehr ist nicht automatisch besser.


4. Die Bitters

Die Bitters sind die Gewürzschicht des Drinks.

Sie bringen Bitterkeit, Würze und zusätzliche aromatische Tiefe.

Historisch wurde im Martinez Boker’s Bitters verwendet; diese Bitters sind heute allerdings nicht mehr regulär erhältlich. Moderne Rezepte greifen deshalb häufig zu Angostura oder Orange Bitters.

Für Deine Version würde ich bei Angostura bleiben.

Das passt zu Deinem bestehenden Rezept und gibt dem Drink eine etwas dunklere, würzigere Richtung.


5. Das Rühren

Der Martinez ist ein klassischer Stirred Cocktail.

Das Rühren sorgt dafür, dass der Drink kalt und leicht verdünnt wird, ohne die klare, seidige Textur eines geschüttelten Cocktails zu bekommen.

Hier lohnt es sich, nicht nach der Uhr zu arbeiten, sondern nach dem Ergebnis:

kalt, klar, leicht verdünnt und trotzdem aromatisch.

Wenn der Drink nach dem Rühren noch alkoholisch und scharf wirkt, darf er ruhig noch etwas länger gerührt werden.


Old Tom oder Dry Gin?

Das ist beim Martinez eine der interessanteren Fragen.

Old Tom Gin ist die historisch naheliegende Wahl und macht den Drink weich, rund und etwas süßer.

London Dry Gin verschiebt den Martinez dagegen deutlich in Richtung Martini.

Mehr Wacholder.

Weniger Süße.

Mehr Spannung.

Genau deshalb lohnt sich der Vergleich.

Wenn Du den Martinez zum ersten Mal machst, würde ich Old Tom Gin nehmen.

Wenn Du bereits weißt, dass Dir sehr trockene Martinis gefallen, kannst Du anschließend mit London Dry experimentieren.

Damit verändert sich der Charakter des Drinks erstaunlich stark.


Die Geschichte des Martinez

Der Cocktail vor dem Martini

Die genaue Entstehung des Martinez ist bis heute nicht eindeutig geklärt.

Eine Theorie verbindet ihn mit der kalifornischen Stadt Martinez.

Eine andere Geschichte bringt den Drink mit Jerry Thomas und San Francisco in Verbindung.

Sicherer wird es bei den schriftlichen Quellen.

O. H. Byron erwähnte 1884 einen Martinez, und Jerry Thomas führte ihn 1887 in seiner The Bar-Tender’s Guide auf. Seine Rezeptur enthielt Old Tom Gin, Vermouth, Maraschino und Boker’s Bitters.

Damit gehört der Martinez eindeutig in die frühe Geschichte der klassischen Cocktails.

1884 – O. H. Byron

Eine frühe gedruckte Erwähnung des Martinez erscheint in The Modern Bartenders‘ Guide.

1887 – Jerry Thomas

Die bekannte historische Rezeptur mit Old Tom Gin, Vermouth, Maraschino und Boker’s Bitters erscheint in The Bar-Tender’s Guide.

Danach – Die Entwicklung zum Martini

Im Laufe der Zeit wurden die Drinks trockener: Old Tom Gin wurde zunehmend durch Dry Gin ersetzt, süßer Wermut durch Dry Vermouth und der Maraschino verschwand aus vielen Rezepturen.

Aus dieser Entwicklung entstand schließlich der Martini, wie wir ihn heute kennen.


Das eigentlich Faszinierende am Martinez

Wenn man den Martinez neben einen modernen Martini stellt, erkennt man ziemlich gut, wie sich die Cocktailkultur verändert hat.

Der Martinez ist:

süßer
würziger
aromatischer
komplexer

Der Martini wurde:

trockener
klarer
reduzierter

Man könnte also sagen:

Der Martini hat dem Martinez nicht wirklich widersprochen. Er hat ihn einfach immer weiter reduziert.

Und genau deshalb lohnt es sich, den Martinez einmal im direkten Vergleich zu trinken.


Ein Cocktail – viele Möglichkeiten

Martinez mit Old Tom Gin

Die klassische Richtung.

Weicher, runder und etwas süßer.

Meine bevorzugte Version.

Martinez mit London Dry Gin

Trockener und wacholderbetonter.

Dadurch rückt der Drink geschmacklich näher an die spätere Martini-Welt.

Martinez mit Orange Bitters

Orange Bitters machen den Drink heller und zitrischer.

Das funktioniert besonders gut, wenn der verwendete Wermut bereits eine kräftige Würze mitbringt.

Martinez mit anderem Wermut

Hier liegt wahrscheinlich das größte Experimentierfeld.

Ein süßer, würziger italienischer Vermouth führt in eine andere Richtung als ein leichterer, fruchtbetonter Wermut.

Das Verhältnis von Gin zu Wermut würde ich dagegen nicht sofort verändern.

Erst die Zutaten wechseln. Dann die Rezeptur.


Wenn Dir der Martinez gefällt …

🥃 Du magst würzige, komplexe Klassiker?

Manhattan

Wermut, Bitters und eine dunkle Spirituose – das verwandte Prinzip auf Whiskey-Basis.

Vieux Carré

Noch komplexer, würziger und kräftiger: Whiskey, Cognac, Wermut, Bénédictine und Bitters.

La Louisiane

Würzig, kräuterig und deutlich komplexer – für den nächsten Schritt in Richtung klassische New-Orleans-Cocktails.

🌿 Du möchtest mehr Kräuter und Botanicals?

Last Word

Gin, Chartreuse, Maraschino und Limette – deutlich frischer und grüner als der Martinez.

Beuser & Angus Special

Gin und Chartreuse mit einer weicheren, aromatischen Struktur.

Tipperary

Irish Whiskey, Chartreuse und Wermut – würzig, komplex und etwas dunkler.

🍸 Du willst sehen, wohin sich der Martinez entwickelt hat?

Vesper

Trockener, stärker und wesentlich kompromissloser.

Last Word

Eine völlig andere Interpretation eines Gin-Cocktails mit Maraschino.

Sazerac

Wenn Dich die historische Cocktailentwicklung interessiert, führt der Weg hier zu einem ganz anderen Klassiker.

🍋 Du möchtest einen frischeren Gin-Cocktail?

Daiquiri

Weniger Kräuter und Würze, dafür Säure und Frische pur.

Gin Basil Smash

Gin, Zitrone und Basilikum ergeben einen wesentlich moderneren, grüneren Drink.


Mein Urteil

Martinez

★★★★★

Der Martinez ist einer dieser Cocktails, die zeigen, warum es sich lohnt, nicht nur die bekanntesten Klassiker zu trinken.

Er ist der aromatischere, weichere und süßere Verwandte des Martini.

Und gerade deshalb gefällt er mir.

Der Drink braucht keine lange Zutatenliste.

Gin.
Wermut.
Maraschino.
Bitters.

Mehr ist es eigentlich nicht.

Aber jede einzelne Zutat hat eine Aufgabe.

Der Gin bringt Struktur.

Der Wermut Körper.

Der Maraschino Tiefe.

Die Bitters Würze.

Das Ergebnis ist ein Cocktail, der gleichzeitig historisch interessant und heute noch ausgesprochen gut trinkbar ist.

Wenn Dir ein trockener Martini zu streng ist, könnte der Martinez genau Dein Drink sein.

Und wenn Du den Martini liebst, solltest Du ihn erst recht einmal probieren.

Denn vielleicht ist der Martinez nicht einfach nur der Vorgänger des Martini – vielleicht ist er einfach die interessantere Version.


Cocktail Discovery

ENTDECKE DEN MARTINEZ

Spirituose
GIN

Stil
CLASSIC · STIRRED · MARTINI FAMILY

Geschmack
HERBAL · SPICED · SWEET · BOTANICAL

Intensität ★★★★☆

Süße ★★★★☆

Säure ★☆☆☆☆

Kräuter ★★★★☆

Gelegenheit
APERITIF · EVENING · AFTER DINNER


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Dirk Wäscher – Trips, Food, Cocktails, Bars